Tagebuch - nicht nur meiner literarischen Arbeiten

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Sonntag, 31. August 2008

Noch nicht


Bild: Max Klinger, Die blaue Stunde, 1890, (zeno.org)

Noch nicht


In der blauen Stunde,

Der Sonnentag treibt mich

Zu den Kartoffeltrieben

Im Keller.

Das kleine

Nie geputzte Fenster

Schmückt sich

Mit Sonnenstrahlen.


Nein,

Es ist noch nicht

Herbst.


Der Bettler am Bahnhof


Bild: Nicolae Grigorescu, Bretonischer Bettler, 2. Hälfte 19. Jh., (zeno.org)

Der Bettler am Bahnhof


Auf einmal ist der Himmel grau.

Ein Bettler sitzt in seiner Ecke.

Ich weiß es doch, und ganz genau,

Dass ich mich hier vor ihm verstecke.


Sie kommt mir wieder, jene Gram

Bei all dem teuren Überfluss,

Und kenn’ doch selbst die große Scham,

Wenn man um etwas bitten muss.



Als ich ihm einen Burger kauf,

Denn Geld das will ich ihm nicht geben,

Blaut sich der Himmel wieder auf. -

Ich fahr nach hause, weiterleben.


Samstag, 30. August 2008

Gute Lyrik


Bild: Chninesischer Maler des 11. Jahrhunderts, Vornehmer Gelehrter unter einer Weide, Palastmuseum Taipeh, (zeno.org)

Weil ich gefragt wurde, was gute Lyrik sei:


Gute Lyrik


Es ist schon so, dass man es braucht,

Das Handwerkszeug der guten Dichter.

Doch manches wird nur hingehaucht,

Und ich bin alles, nur kein Richter.


Das was mir oft sehr wertvoll scheint,

Muss nicht für alle gültig sein.

Ich weiß was gute Lyrik meint,

Und weiß es nur - für mich allein.


Freitag, 29. August 2008

Notwendigkeiten


Bild: Gottfried von Wedig, Stillleben mit Kerze, etwa 1610 - 1620, (zeno.org)

Notwendigkeiten


Die Nacht

Ist nicht grausam wie

Der Tag,

Wenn du mit dem Licht

Einer kleinen Kerze

Zufrieden sein kannst.


Der Tag

Ist nicht schrecklich wie

Die Nacht,

Wenn dir der Gesang

Der Vögel

Musik sein kann.


Das ist

Eine deiner Freiheiten.


Schlaflied


Bild: Mary Cassatt, Mohn im Feld, 1874 - 1880, (zeno.org)

Schlaflied


Schlaf mein Sohn, schlaf leis;

Das Pulver ist ganz weiß. –


Du bist ein Moslem und ein Christ,

Doch wenn du bald erwachsen bist,

Sollst du nicht nach Afghanistan,

Dort tötet dich der Taliban.


Schlaf mein Sohn, schlaf tief,

Dein Leben geht schon schief.


Komm lieber auf die schiefe Bahn,

Und geh nicht nach Afghanistan.

Nimm lieber hier dein Heroin,

Als dort dafür in ´ Krieg zu ziehn.


Schlaf mein Sohn, schlaf fest,

Beschmutze ruhig dein Nest.


Ich gebe dir den guten Rat,

Wird lieber süchtig, als Soldat.

Mach was du willst und mach auch Pfusch,

Doch mach es nicht am Hindukusch.


Donnerstag, 28. August 2008

An die wilde Aster


Bild: Lovis Corinth, Herbstblumen, 1895, (zeno.org)

An die wilde Aster


Jetzt sollst du leuchten, kleine Aster.

Für dich ist es noch früh im Jahr,

Vergiss einfach das Straßenpflaster

Und blühe für uns bunt und klar.


Im letzten Jahr warst du verschwunden,

Die Rosen blühten spät und stark.

Für diesmal hab ich dich gefunden,

Weil niemand deine Pracht verbarg.


Der Sommerrose wein’ ich eine,

Vielleicht auch zwei, drei Tränen nach.

Und bald, im Herbst, beim Kerzenscheine

Verschwindet manches Ungemach.


Mittwoch, 27. August 2008

Yehoyesh - kumt a foygl


Bild: Leonid Ossipowitsch Pasternak, Am Fenster. Herbst, 1913, (wikicommons.org)

Yehoyesh – kumt a foygl


Yehoyesh (Das ist Yehoyesh-Shloyme Blumgarten, ein bedeutender Übersetzer der hebräischen Bibel ins Jiddische.)


kumt a foygl


kumt a foygl tsu mayn shoyb, klapt er tsvey mol on.

foygl kleyn un foygl sheyn, vos zol ikh dir ton?

- tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, un a vort nit meyn,

- tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, tsvi, kon ikh nit farshteyn.


Meine Übertragung:


Kommt ein Vogel


Kommt ein Vogel an meine Fensterscheibe, er klopft zweimal an.

Vogel klein und Vogel schön, sag, was kann ich für dich tun?

- tswi, tswi, tswi, tswi, tswi, tswi, ist kein Wort von mir,

- tswi, tswi, tswi, tswi, tswi, tswi, kann ich nicht verstehen.


Claudia ´s Pilze


Bild: ©Claudia Johann

Claudia ´s Pilze


Bei mir gibt ´s diese Pilze nicht,

Ich habe lang danach gesucht.

Weil das für meine Dummheit spricht,

Hab ich den ganzen Wald verflucht.


Dann habe ich sie doch entdeckt,

Weiß nicht, ob man sie essen soll,

Und ob das Essen dann auch schmeckt.

Das Foto aber, das ist toll.


Treue


Bild: William Hograth, Der Lebensweg eines Wüstlings, Szene: In einer Schenke, 1732 - 1735, (wikicommons.org)

Treue


Ach Treue, welch ein Größenwahn,

Wenn sie sich nicht von selbst versteht!

Wer fängt schon eine Liebe an,

Die gar nicht bis zum Herzen geht?


Ich liebe dich, das sagt sich leicht,

Und ist so oft am falschen Ort.

Die Liebe die zum Herzen reicht

Braucht nicht einmal ein einzig Wort.


Dienstag, 26. August 2008

Vergangene Affäre


Bild: Jean Béraud, Die Modistin von der Champs Elysées, um 1890 (?), (wikicommons.org)

Vergangene Affäre


Ich sah sie in der Straßenbahn,

Und grüßte sie ganz leise.

Schon lang vorbei ist jener Wahn;

Sie lebt auf ihre Weise.


Sie lächelte mich wissend an,

Dann sah sie schnell vorbei.

Sie dachte wohl an ihren Mann,

Mir war es einerlei.


Ich denke gern an jene Zeit,

Die wir zusammen waren. -

Sie dachte nicht und war bereit

Mit jedem sich zu paaren.


Rajzel Zychlinski - Die Kleider


Bild: Rajzel Zychlinski, Quelle: bibliotheca augustana

Rajzel Zychlinski – Die Kleider


di kleyder


di kleyder in velkhe du host gezen mikh –

zey vern keynmol nisht alt,

mit ale kolirn fun regnboygn

blien zey in mayn shank

dos lile-kleyd soyde|t zikh mitn grinem

a grinem grozikn sod,

dos roza tulyet zikh tsum geln

un di blumen blien bay zeyer zoym.

opgerukt, bazunder in a vinkl fun mayn shank,

di arbl farvorfn iber di akslen –

kholem|t fun dir mayn bloy kleyd.

די קלײדער


די קלײדער אין װעלכע דו האָסט געזען מיך ־

זײ װערן קײנמאָל נישט אַלט,

מיט אַלע קאָלירן פֿון רעגנבױגן

בליִען זײ אין מײַן שאַנק

דאָס לילע־קלײד סודעט זיך מיטן גרינעם

אַ גרינעם גראָזיקן סוד,

דאָס ראָזאַ טוליעט זיך צום געלן

און די בלומען בליִען בײַ זײער זױם.

אָפּגערוקט, באַזונדער אין אַ װינקל פֿון מײַן שאַנק,

די אַרבל פֿאַרװאָרפֿן איבער די אַקסלען ־

חלומט פֿון דיר מײַן בלױ קלײד

.

Meine Übertragung:


Die Kleider


Die Kleider die du an mir gesehen hast,

Sie werden überhaupt nicht alt.

In allen Regenbogenfarben

Blühen sie in meinem Schrank.

Das Kleid in Lila flüstert mit dem grünen

Ein grünes grasiges Geheimnis,

Das rosa schmiegt sich an das gelbe,

Und die Blumen blühen an seinem Saum.

Weggeschoben, ganz unten in einer Ecke meines Schranks,

Die Ärmel über die Achseln gelegt,

Träumt von dir mein blaues Kleid.


Montag, 25. August 2008

Die Kartenlegerin


Bild: Michael Alexandrowitsch Wrubel, Die Kartenlegerin, 1895, (zeno.org)

Die Kartenlegerin


Sie legt die Karten, wie sie will,

Und schaut mir immer ins Gesicht.

Ich trau ihr nicht und bleibe still.

Jedoch sie spürt, ich glaub ihr nicht.


Sie lächelt fein, mit etwas Spott

Denkt sich: nun ja, das ist ´s gewesen.

Er glaubt an nichts, nicht mal an Gott,

Und dreimal nicht ans Kartenlesen.


Sonntag, 24. August 2008

Vom Gedichte schreiben


Bild: Lawrence Alma-Tadema, Ein Lieblingsdichter, 1888, (zeno.org)

Vom Gedichte schreiben


Ein Dichter

Bleibt immer ein Dichter,

Auch wenn er schweigt.


Seine wichtigsten Botschaften

Stehen zwischen den Zeilen

Und sind

Wortlos.


Was sich mit Worten

Nicht sagen lässt,

Hörbar,

Lesbar

Und erfühlbar machen,

Will ein Gedicht.


Darum ist

Das Schreiben von Gedichten

Ein Stückchen

Magie und

Zauberei.


Baumfällen


Bild: Jean-Francois Millet (II), Waldarbeiter beim Holzsägen, um 1850 bis 1852, (zeno.org)

Baumfällen


Wie der alte Baum sich neigte,

In den letzten Sommerregen,

Trotzig seine Äste zeigte,

Musste ja mein Herz bewegen.


Nicht durchs Beil und Manneskraft

Fiel er in den Mittagsstunden;

Durch Maschinen weggerafft, -

Keine Zeit für Harz und Wunden.


Samstag, 23. August 2008

Mordechaj Gebirtig - Arbeitslosenmarsch

Mordechaj Gebirtig (1877 - 1942)

ארבעטלאָועמארש - "arbetlose-marsch"


"Arbeitslosenmarsch" (deutsche Übersetzung)


ejns, tswej, draj, fir,

Eins, zwei, drei, vier,

arbetlose senen mir,

Arbeitslose sind wir,

nischt gehert chadoschim lang

nicht mehr gehört haben wir Monate lang

in farbrik dem hammer-klang,

in der Fabrik der Werkzeuge Klang,

's lign kejlim kalt, fargesn,

es liegen die Geräte kalt, vergessen,

's nemt der sschawer sej schojn fresn,

es beginnt sie schon der Rost zu fressen,

gejen mir arum in gas,

wir gehen umher auf der Straße,

wi di gwirim pust-un-pas,

wie die Reichen ohne Beschäftigung,

wi di gwirim pust-un-pas.

wie die Reichen ohne Beschäftigung.


ejns, tswej, draj, fir,

Eins, zwei, drei, vier,

arbetlose senen mir,

Arbeitslose sind wir,

on a beged, on a hejm,

ohne Kleidung, ohne Heim,

undser bet is erd un lejm,

unser Bett besteht aus Erde und Lehm,

hat noch wer wos tsu genisn,

hat noch jemand was zu essen,

tajt men sich mit jedn bisn,

teilt man sich jeden Bissen,

waser wi di gwirim wajn

Wasser wie die Reichen den Wein

gisn mir in sich arajn,

schütten wir in uns hinein,

gisn mir in sich arajn.

schütten wir in uns hinein.


ejns, tswej, draj, fir,

Eins, zwei, drei, vier,

arbetlose senen mir,

Arbeitslose sind wir,

jornlang gearbet schwer,

jahrelang haben wir schwer gearbeitet

un geschaft alts mer un mer,

und haben immer mehr geschaffen,

hajser, schleser, schtet un lender

Häuser, Schlösser, Städte und Länder

far a hojfele farschwender.

für ein Häuflein Verschwender.

unser lojn derfar is wos?

Was ist unser Lohn dafür?

hunger, nojt un arbetlos,

Hunger, Not und Arbeitslosigkeit,

hunger, nojt un arbetlos.

Hunger, Not und Arbeitslosigkeit.


ejns, tswej, draj, fir,

Eins, zwei, drei, vier,

ot asoj marschirn mir,

so marschieren wir,

arbetlose, trit noch trit,

Arbeitslose, Schritt für Schritt,

un mir singe sich a lid

und wir singen uns ein Lied

fun a land, a welt a naje,

von einem Land, einer neuen Welt,

wu es lebn mentschn fraje,

wo freie Menschen leben,

arbetlos is kejn schum hant

arbeitslos ist keine einzige Hand

in dem najen frajen land,

in dem neuen freien Land,

in dem najen frajen land.

in dem neuen freien Land.



Vom Tandaradei


Bild: Childe Hassam, Der Raum der Blumen, 1894, (wikicommons.org)

Vom Tandaradei


Das kleine Wort

Tandaradei,

So sinnlos schwer,

Verspricht nichts mehr,

So völlig frei,

Lebt weiter fort.


Es ist so alt,

Bleibt immer jung,

Und wenn man ´s hört,

Ist man betört.

Ein Herzenssprung

Hat es bezahlt.


Bei der Weide


Bild: Weide im Stadtpark in Springe, Foto © Anja Müller 2007

Bei der Weide


Immer finde ich

In meiner Seele

Ein Stück Brachland,

Weiß nicht,

Wie ich es bepflanzen will.


Die große Weide

Im Park,

(Warum Trauerweide?)

Umfängt mich

Mit ihren weiten Armen.


Und

So pflanz ich denn

Heimelige

Geborgenheit. Die

Will ich auch noch ernten.


Freitag, 22. August 2008

Ein Regenlied


Bild: Wassilij Grigrewitsch Perow, Nachts in der Bauernkate, 19. Jh., (zeno.org)

Ein Regenlied


Noch hab ich

Den Regen nicht

Zu Ende gehört,

Warum sollte ich schlafen?


Wenn dann

Der Regen fertig ist,

Singt wieder die

Nachtigall.


Auch sie

Will ich noch hören,

Dann –

Vielleicht –

Schlafe ich.


Donnerstag, 21. August 2008

Späte Sommerrose


Bild: Lawrence Alma-Tadema, Ein Weihopfer (Die letzten Rosen), 1873, (zeno.org)

Späte Sommerrose


Die späte Sommerrose reift,

Ich kann es kaum beschreiben,

Und wie ihr Duft mein Herz ergreift,

Könnt mich zur Schwermut treiben.


So rennen wir von Tag zu Tag

Durch eine Nebelwand, durch Luft,

Und was in unsern Kräften lag,

Verblasst vor einem Blumenduft.