Tagebuch - nicht nur meiner literarischen Arbeiten

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Mittwoch, 31. Dezember 2008

Raureif


Bild: Camille Pissarro, Raureif, 1873, (zeno.org)

Raureif


Der Reif liegt auf den Dächern,

Schmiegt sich im Städtchen ein;

Die Böller krachen blechern,

Es muss Sylvester sein.


Der Wind weht kalt aus Osten;

Es dunkelt schon so früh.

Was wird der Winter kosten,

Wenn ich mich sehr bemüh’?


Den Winter zu verstehen

Gelingt mir häufig nicht.

Ich lasse ihn geschehen, -

Und schreibe ein Gedicht.


Dienstag, 30. Dezember 2008

Arrangiert


Bild: Heinrich Lefler, Illustration zu "Die Prinzessin und der Schweinehirt" von H. C. Andersen, 1887, (wikicommons.org)

Arrangiert


Erwachsen wollte ich schon werden,

Jedoch niemals erwachsen sein.

Ich hatte Angst vor großen Pferden

Und wollte doch Indianer sein.


Indianer bin ich nicht geworden,

Die Angst vor Pferden ist längst fort.

Ich leb in Dur- und Mollakkorden

Und weiß ein bisschen mehr vom Wort.


Das Dur und Moll, mein Zauberpäarchen,

Hat mich die ganze Zeit getragen.

Ich lausche auf das Wort der Märchen,

Und das, was sie noch immer sagen.


Montag, 29. Dezember 2008

Deisternebel


Bild: Blick auf den Deister im Winter 2007, Foto Renate Ehlers

Deisternebel


Es hängt die kalte Nebeldecke

Im Wintermorgen überm Deister.

Ein altes Lied, das ich entdecke,

Ist wie ein Mantel alter Geister.


Der Nebel und das alte Lied

Verhüllen mir den Weg nach Innen.

Ich finde keinen Unterschied,

Da Draußen und zu meinem Sinnen.


Sonntag, 28. Dezember 2008

Die Trompeten von Jericho


Bild: Vittore Carpaccio, Taufe der Ungläubigen durch den heiligen Georg, Detail Ausschnitt, um 1507, (zeno.org)

Die Trompeten von Jericho


Wenn die dicken Mauern fallen,

Kann es sehr laut tönen.

Ob auch die Trompeten hallen,

Wenn sich zwei versöhnen?


Die Trompeten können tröten,

Das ist doch egal;

Gehn die leisen Töne flöten,

Wäre das fatal.


Weise sein ist nur ein kleiner,

Winzigkleiner Schritt,

Und am Ende merkt es keiner,

Niemand kriegt was mit.


Samstag, 27. Dezember 2008

Beim Spazierengehen


Bild: Fernand Khnopff, Die Schimäre, 1910, (wikicommons.org)

Beim Spazierengehen


Stundenlang

Redest du

Auf deinem Spaziergang

Mit dir selbst.


Was geschieht mit den Worten,

Die man mit sich selber redet?

Laufen sie durch die Stadt,

Auf der Suche

Nach einem Zuhörer?


Sie werden zurückkommen,

Denn sie wissen

Wo ihr Zuhause ist.


Freitag, 26. Dezember 2008

Abschied


Bild: Franz von Stuck, Tilla Durieux als Circe, 1913, (wikicommons.org)

Abschied


Woher kommt der helle Strahl

Den die dunklen Augen senden?

Ach, sie hatte nicht einmal

Einen Handschuh in den Händen.


Sie vergaß auch nicht zu winken,

Als die S-Bahn endlich fährt. -

Meine Träume sie versinken

In die Nacht, die lange währt.


Und so bin ich in der Nacht,

(Ob ich meine Träume lenke?),

Von den Augen aufgewacht,

An die ich noch immer denke.


lid fun der hertsalerlibst


Bild: Joszef Israels, Eine jüdische Hochzeit, 1903, (wikicommons.org)

lid fun der hertsalerlibst


Vu sol ikh hin – vu sol ikh her,

vu sol ikh mikhs hin kern?

ikh bin aynzint,

mayn herts dos brent,

ikh kuens nit heilkh varn.

do ztet di hertsalerlibst mayn

di ikh hob oyf disr erdn.


‫װוּ סאָל איך הין ־ װוּ סאָל איך הער,

װוּ סאָל איך מיכס הין קערן?

איך בין אײַנזינט,

מײַן הערץ דאָס ברענט,

איך קוענס ניט העיִלך װאַרן.

דאָ זטעט די הערצאַלערליבסט מײַן,

די איך האָב אױף דיסר ערדן

.

Meine Übertragung:


Das Lied von der Herzallerliebsten


Wo soll ich hin, wo soll ich her,

Wohin soll ich mich kehren?

Ich bin allein,

Mein Herz das brennt,

Es kann nicht heile werden.

Da steht die Herzensallerliebste mein,

Die ich hab auf dieser Erden.


Anmerkung:

Der Verfasser dieser Zeilen ist unbekannt, sie wurden um 1350 geschrieben. Gefunden wurde dieser Text als Glosse in einem Kommentar des Rabbi Solomon ben Yitskhok.


Donnerstag, 25. Dezember 2008

Vom Grübeln zum Träumen


Bild: Albert Joseph Moore, Träumer, um 1890, (wikicommons.org)

Vom Grübeln zum Träumen


Die grauen Zellen wollen nichts,

Sie haben nur entschieden,

Sind Hintergrund des Angesichts,

Und ich bin es zufrieden.


Die grauen Zellen fragen nur,

Die Seele bleibt ganz still;

Das ist die Herzensinventur,

Die ich genau so will.


Die grauen Zellen schlafen nie,

Es braucht sie auch der Traum;

Und endlich, da vergessen sie

Die Welt von Zeit und Raum.


Mittwoch, 24. Dezember 2008

Weihnachtslied des Osterhasen


Bild: Carl Oswald Rostosky, Zwei Kaninchen und ein Igel, 1861, (wikicommons.org)

Weihnachtslied des Osterhasen


Draußen summen keine Bienen,

Und es fliegt kein Schmetterling,

Wenn ich jetzt mit Trauermiene

Meine Winterlieder sing.


Lieber möcht ich Grillen fangen,

Als den Weihnachtsbaum zu schmücken.

Ach, ich habe kein Verlangen

Nach dem festlichen Entzücken.


Was daran ist schon Behagen,

Beim Verzehr der Weihnachtsgans?

Überfüllung für den Magen,

Und noch andrer Firlefanz.


Nein, ich habe nichts dagegen,

Dass die Menschen Weihnacht feiern,

Wenn sie jetzt schon überlegen:

Was ist mit den Ostereiern?


Winterlicht und Winterglut


Bild: Theodore Clement Steele, Bach im Winter, 1899, (wikicommons.org)

Winterlicht und Winterglut


Wie kostbar ist das Winterlicht!

Wenn abends deine Seele spricht,

Fast an der Dunkelheit zerbricht,

Dann hast du doch den Kerzenschein. -

Und ist das Licht auch noch so klein,

Es ist dein eignes Winterlicht!


Wie selten ist die Winterglut,

So kostbar, wie der eigne Mut!

Und weil sie in dir selber ruht,

Musst du sie nur entdecken,

Ja, in der Kälte wecken; -

Dann merkst du erst, wie gut sie tut.


Dienstag, 23. Dezember 2008

Dos kelbl (Dona, Dona) - Jiddisches Volkslied

Gesungen von Lisa Fishman



Dos Kelbl

(Der Text stammt von Aaron Zeitlin, die Musik ist von Scholem Secunda)


Oyfn furl ligt dos kelbl,

Ligt gebundn mit a shtrik.

Hoykh in himl flit dos shvelbl,

Freyt zikh, dreyt zikh hin un tsrik.


Refreyn:

Lakht der vint in korn,

Lakht un lakht un lakht,

Lakht er op a tog a gantsn

Mit a halber nakht.

Dona, dona, dona, ...


Shrayt dos kelbl, zogt der poyer:

Ver zhe heyst dikh zayn a kalb?

Volst gekent dokh zayn a foygl,

Volst gekent dokh zayn a shvalb.


Refreyn:

Bidne kelber tut men bindn

Un men shlept zey un men shekht,

Ver s'hot fligl, flit aroyftsu,

Iz bay keynem nit keyn knekht


Refreyn:


Meine Übertragung aus dem Jiddischen:


Das Kälbchen (Dana, dana)


Auf dem Wagen liegt ein Kälbchen,

Fest gebunden mit ´nem Strick.

Hoch am Himmel fliegt ein Schwälbchen,

Freut sich und fliegt vor, zurück.


Refrain:

Lacht der Wind im Korn,

Lacht und lacht und lacht,

Lacht herab den ganzen Tag,

Und die halbe Nacht.

Dana, dana, dana, …


Schreit das Kälbchen, sagt der Bauer:

Wer schon heißt dich sein ein Kalb?

Könntest sein ein kleiner Vogel,

Vielleicht sogar eine Schwalb’.

Refrain:

Lacht der Wind …


Arme Kälbchen wird man binden,

Man verschleppt sie und man schächt.

Hat man Flügel, kann man fliegen,

Ist von niemand mehr der Knecht.

Refrain:

Lacht der Wind …



Kein Weihnachtsschnee - sagt die Fee


Bild: John Anster Fitzgerald, Eine Feenwohnung, um 1900, (wikicommons.org)

Kein Weihnachtsschnee - sagt die Fee


Es hat so um die Mittagszeit

Ein kalter Regen eingesetzt;

Die Kinder möchten, dass es schneit,

Am liebsten gleich, am besten jetzt.


Die Leute haben noch zu tun,

Sie haben ´s nicht so gern sehr kalt,

Und ich geh in den alten Schuh´n

Zu meinen Bäumen in den Wald.



Ich sag den Trollen und der Fee,

„Berichtet doch dem Wettergott,

Die Kinder hätten gerne Schnee.“

Ich höre von den Trollen Spott.


„Die Menschen möchten immer was,

Und sind mit nichts zufrieden;

Das macht dem Wettergott oft Spaß,

Hat anders sich entschieden.“


Ida Maza-Zhukovsky - Vi blimelekh in regn


Bild: Ida Maza-Zhukovsky 1893 - 1963

Ida Maza-Zhukovsky - Vi blimelekh in regn


Orim iz mayn shtibele,

Mit an altn dakh,

vaksn in im kinderlekh

kinderlekh a sakh.


Geyt in gas a regndl,

Vert in shtibl nas –

Loyfn mayne kinderlekh

Shpiln zikh in gas.


Geyt in gas a regndl,

Geyt er zey antkegn –

Vaksn mayne kinderlekh

Vi blimelekh in regn.



Meine Übertragung aus dem Jiddischen:


Kleine Blumen im Regen


Ärmlich ist mein Stübelein,

Hat ein altes Dach;

Meine muntren Kinderlein

Werden darin wach.


Fällt ein Regen in der Gass’

Wird es hier im Stübchen nass,

Dann gehen meine Kinderlein

Raus, dort spielen sie und schrein.


Draußen fällt ein Regen ein,

Und genau deswegen

Wachsen meine Kinderlein

Wie Blümchen auf im Regen.


Montag, 22. Dezember 2008

Lied vom Illusionen verkaufen


Bild: George Frederick Watts, Lebensillusionen,1849, (wikicommons.org)

Lied vom Illusionen verkaufen


Irgendetwas brauchst du schon

Um zu überleben.

Nimm doch meine Illusion,

Die kann ich dir geben.


Häufig hab ich sie benutzt,

Du wirst es bald merken;

Etwas ist sie zwar verschmutzt,

Doch sie wird dich stärken.


Ich hätt’ auch noch einen Traum,

Den könnt ich dir schenken;

Der hilft aber leider kaum

Beim vernünftig denken.


Darum nimm die Illusion,

Sie ist nicht zu teuer;

Träume hast du selber schon,

Das hilft ungeheuer.


Sonntag, 21. Dezember 2008

Sünde


Bild: Jules Joseph Lefebvre, Pandora, 1882, (wikicommons.org)

Sünde


Meine Seele ist verstockt;

Wenn die Sünde mich verlockt,

Setz ich nichts dagegen.

Kaum ein Laster ist mir fern

Und ich sündige so gern,

Einfach so! Weswegen?


Meine Seele ist nicht gut,

Auch wenn sie nichts Böses tut,

Läuft sie mir davon.

Und ich lauf ihr hinterher,

Gut zu sein ist viel zu schwer

Und nur Illusion.


Meine Seele ist vermint,

Und ich hab es nicht verdient,

Freundlichkeit zu fühlen.

Doch ich brauche sie so sehr,

Viel davon und noch viel mehr

In den Alltagsmühlen.


Krokodilstränen


Bild: John Singer Sargent, Verschlammte Alligatoren, 1917, (wikicommons.org)

Krokodilstränen – eine „etymologische Untersuchung“


Traurig lag das Krokodil

Ganz erbost im Schlamm am Nil.

Vor nicht gar zu langer Zeit

Fraß es eine Frau mit Kleid.

Ihr Begleiter, er ging fremd,

Trug ein weißes Polohemd,

Und das Krokodil – erbost -,

Sah das Zeichen von Lacoste;

Dieses ließ im keine Ruhe,

Nicht genug, dass aus ihm Schuhe

Für ganz reiche und verwöhnte

Werden sollte; man verhöhnte

Rein aus Unternehmenszwecken

Seinen eigentlichen Schrecken.

Darum weinte es ganz viel

Heiße Tränen in den Nil.


Samstag, 20. Dezember 2008

Ein Markttag im Dezember


Bild: Victor Gabriel Gilbert, Markttag, 1881, (wikicommons.org)

Ein Markttag im Dezember


Das Grau liegt grimmig in den Straßen

Und singt ein morsches Winterlied.

Das grelle Licht, das wir vergaßen,

Bedrohlich scheint es, und es zieht.


An einem Plastiktannenbaum

Sind rote Kugeln aufgehängt.

Und Weihnachtsfrieden spürt man kaum,

Wenn man sich durch ein Kaufhaus drängt.


Es riecht nach Glühwein und nach Zimt

Und auch nach altem Frittenfett.

Das was man mit nachhause nimmt,

Ist Grippe und man muss ins Bett.


Freitag, 19. Dezember 2008

In der Nacht - Ein Klezmerlied


Bild: José Ferraz de Almeida Júnior, Ausruhen, 2. Hälfte des 19. Jh., (wikicommons.org)

In der Nacht – Ein Klezmerlied

(Übertragung aus dem Jiddischen)


Lasst uns gehn mit leisem Schritt, keiner soll uns hören.

Lasst uns nicht den süßen Schlaf aller Müden stören.


Vielleicht träumt ein alter Mann grad von jungen Jahren,

Und er träumt sich wieder jung, stark mit schwarzen Haaren.


Vielleicht träumt ein armes Kind grad von Brot und Butter,

Und dreht sich im Schlaf herum zu der kranken Mutter.


Vielleicht träumt ein kranker Mensch sich gesund, am Leben

Und es kommt zu ihm die Nacht, um ihm Ruh’ zu geben.


Schlaf hat viele schon befreit, von des Lebens Schrecken;

Lasst uns gehn mit leisem Schritt, um sie nicht zu wecken.


Hier der Originaltext von A. Olmi:

bay nakht


lomir geyn mit shtile trit, keyner zol nisht hern.

lomir nisht dem zisn shlof fun di mide shtern.


efsher troymt an alter man, vegn yunge yorn.

un er iz in troym oyf´s nay, yung un shtark gevorn.


efsher troymt an orem kind, vegn broyt un puter.

un es tulyet zikh in shlof, tsu der kranker muter.


efsher troymt a kranker mentsh, fun gezunt un lebn.

un es kumt tsu im di nakht, a refue gebn.


s´hot der shlof di bafrayt di layt, fun di lebns shrekn.

lomir geyn mit shtile trit, lomir zey nisht vekn.


Auf den letzten Drücker


Bild: Hannover Lister Meile, Weihnachtsmarkt am Lister Platz, Dezember 2008

Auf den letzten Drücker


Struppig strecken junge Buchen

Ihre Äste in den Himmel,

So als würden sie versuchen

In dem Weihnachtsmarktgewimmel

Sich vom Himmel zu erflehen,

Dass sie jetzt woanders stehen.


Vor der Türe steht ein Wächter,

Neben ihm ein Nikolaus;

Aber der ist auch kein echter,

Wie das ganze Warenhaus.

Alles Trubel, Hektik, Schein,

Doch was soll´s, ich muss hinein.


Auf den allerletzten Drücker

Brauche ich noch ein Geschenk,

Denn auch ich bin ein Beglücker,

Wenn ich an die Liebste denk.

In der letzten Kaufminute,

Schaff ich ´s noch, wenn ich mich spute.