Tagebuch - nicht nur meiner literarischen Arbeiten

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Samstag, 31. Januar 2009

Der weggeträumte Winter


Bild: Dandro Botticelli, Der Frühling, 1478, (wikicommons.org)

Der weggeträumte Winter


Den Winter soll ich ignorieren;

Das sagt mir eine kluge Frau.

Wie kann ich das? Ich muss doch frieren,

Und wenn ich aus dem Fenster schau,

Sind alle Menschen dick vermummt,

Und selbst die Amsel ist verstummt.


Den Winter soll ich nicht beachten,

Weil ich daran nichts ändern kann. -

Um schöne Blumen zu betrachten,

Seh ich mir alte Bilder an.

Und diese Welt aus Schnee und Eis,

Die träum ich fort, ganz sacht und leis.


Freitag, 30. Januar 2009

Drei Kinderreime


Bild: Andre Henri Gargelas, Murmelspiel, um 1900, (wikicommons.org)

Drei Kinderreime


1.

Zum Glück bin ich ein armer Mann,

Und fange keine Kriege an.

Jedoch, wenn ich ein Reicher wär,

Fiel mir das friedlich bleiben schwer,

Denn wer viel hat, will immer mehr.


2.

Der Fritz mag keinen Kopfsalat;

Er fürchtet sich vor dem Nitrat

Und andrem Zeug, das darin steckt. -

Weil ihm der Burger besser schmeckt,

Und er auch gerne Süßes schleckt,

Ist er so richtig kugelrund;

Das hält er selber für gesund.

Er hat noch niemals abgespeckt.


3.

Maria die ging neulich hops,

Sie trank zu viele Alkopops.

Die Mutter tröstet sich mit Bier,

Denn sie kriegt leider nur Hartz IV.


Tagesaphorismus: Zuversicht


Bild: Iwan Iwanowitsch Schischkin, Morgen in einem Pinienwald, 1886, (wikicommons.org)

Tagesaphorismus: Zuversicht


Zuversicht ist für die Berufspessimisten eine Existenzbedrohung.


Donnerstag, 29. Januar 2009

Einkaufen – (Boulevardskizzen 7)


Bild: James Jacques Joseph Tissot, Das Ladenmädchen, 1885, (wikicommons.org)

Einkaufen – (Boulevardskizzen 7)


Das Salz war mir ausgegangen,

Also ging ich einkaufen.

(Ja, ja, ich weiß, zuviel Salz ist ungesund.)


Zwar war es kalt und ungemütlich,

Aber auf der Straße war eine Menge los.

An der Buchhandlung vorbei?

Ich fand einen historischen Roman,

Den ich schon lange gesucht hatte.


Beim Tabakladen dachte ich,

Dass Lotto spielen nicht verkehrt wäre.


Im Bastelgeschäft gab es ein

Sonderangebot des herrlichsten Schreibpapiers.


Ein Extraposten hübscher Kakteen

Lockte mich in die Gärtnerei.


Aus der Bäckerei

Nahm ich ein frisches Krustenbrot mit.


Wieder zu Hause merkte ich,

Dass ich kein Geld mehr hatte;

Salz hatte ich nicht gekauft.


Aber Salz ist ja ungesund.


Liebeslied im Winter


Bild:Jean Beraud, Die Abfahrt des Bourgeois, 1889, (wikicommons.org)

Liebeslied im Winter


Geliebte, mach die Fenster zu!

Da draußen droht der Frost,

Und lass die Wohnungstür in Ruh,

Es ist bestimmt die Post.


Wir stellen uns ganz taub und stumm,

Denn draußen geht der Winter um.


Geliebte, heiz den Ofen ein!

Mir ist so schrecklich kalt,

Und lass die dummen Briefe sein;

Der Strom ist nicht bezahlt.


Wir stellen uns ganz taub und blind,

Denn draußen weht ein kalter Wind.


Geliebte, mach den Glühwein heiß,

Der wird uns schon erwärmen.

Jetzt komm ins Bett und sei ganz leis,

Ich hör den Hauswirt lärmen.


Bald kommt er mit der Polizei,

Der Winter ist noch nicht vorbei.


Mittwoch, 28. Januar 2009

Durchblick – (Boulevardskizzen 6)


Bild: Theodore Clement Steele, Straßenszene mit Wagen, 1894, (wikicommons.org)

Durchblick – (Boulevardskizzen 6)


Meine Brille

Ist angelaufen. -

Es regnet stark,

Und ich kann

Den Dreck, die verschlammte Straße,

Nur undeutlich sehen.


Den Weg nachhause

Kennen meine Beine

Auch so.


Erst zuhause,

Im Trockenen,

Habe ich Lust

Meine immer verschmierte

Brille zu putzen.


Für den Dreck

Brauche ich

Keine saubere Brille.


Dienstag, 27. Januar 2009

Elizabeth Alexander – Ars Poetica # 100: Ich glaube


Elizabeth Alexander – Ars Poetica # 100: Ich glaube


Dichtung, erzähle ich meinen Studenten,

Ist eigentümlich. Dichtung


Ist, wo wir wir selbst sind,

(Oder wie Sterling Brown sagte,


„Jedes Ich ist ein dramatisches Ich“)

Graben in den Muschelfeldern


Bis die Hülle aufbricht,

Das Enthüllen des sprichwörtlichen Taschenbuchs.


Dichtung ist, was du

Im Schmutz der Ecke findest,


Nebenbei im Bus gehört, Gott

In den Einzelheiten, der einzige Weg


Um von hier nach da zu gelangen.

Dichtung (und jetzt hebt sich meine Stimme)


Ist nicht immer Liebe, Liebe, Liebe

Und leider ist der Hund verstorben.


Dichtung (hier höre ich mich selbst am lautesten)

Ist die menschliche Stimme,


Und sind wir nicht von Bedeutung für einander?


Übertragung Paul Spinger, Januar 2009


Den englischen Originaltext gibt es hier:



Meine Defizite


Bild: Jacek Malczewski, Bestimmung, 1917, (wikicommons.org)

Meine Defizite


Mir fehlt die Zockerkompetenz

Und auch genügend Dekadenz:

Ich bin nicht integriert.

Hab keine Kohle auf der Bank,

Nur altes Zeug im Kleiderschrank,

Obwohl ´s mich manchmal friert.


Von Mode weiß ich nicht sehr viel,

Kenn mich nicht aus im Börsenspiel,

Da bin ich Ignorant.

Beim Doping kenn ich mich nicht aus,

Ich lebe nicht in Saus und Braus,

Auch bin ich kaum bekannt.


Die Dschungelcamper kenn ich nicht,

Und was die Werbung mir verspricht,

Das will ich gar nicht wissen.

Mein Handy ist schon jahrealt,

Und nur mit Müh und Not bezahlt,

Ich bin nicht sehr gerissen.


Der Lifestile ist mir ganz egal,

Ich hab ein eigenes Signal,

Das ist der Trotz, mein Mut.

Ich lebe, wie ich leben will,

Bin selten laut und meistens still,

Und fühl mich trotzdem gut.


Montag, 26. Januar 2009

Vergessen – (Boulevardskizzen 5)


Bild: Paul Gustave Fischer, Blumenmarkt in Kopenhagen, um 1900, (wikicommons.org)

Vergessen – (Boulevardskizzen 5)


Mitten im Einkaufen

Bemerkte ich,

Dass ich

Mein Handy vergessen hatte.


Plötzlich sah ich

Die Straßen der Stadt

Mit anderen Augen,

Und ich hatte

Alle Zeit der Welt.


Sonntag, 25. Januar 2009

Der enge Gehweg – (Boulevardskizzen 4)


Bild: John Singer Sargent, Straße in Venedig, 1882, (wikicommons.org)

Der enge Gehweg – (Boulevardskizzen 4)


Gestern noch

Ging ich mit dir,

Bequem nebeneinander her,

Den Weg entlang.


Heute,

Da ich dich von weitem sehe,

Gehe ich auf die

Andere Straßenseite.


Du könntest ja

Mit mir reden wollen.


Wie schmal doch

Die Wege sind!


Samstag, 24. Januar 2009

Bilder einer Ausstellung – (Boulevardskizzen 3)


Bild: William Merritt Chase, Das Stdio in der 10. Straße, 1880, (wikicommons.org)

Bilder einer Ausstellung – (Boulevardskizzen 3)

(Nicht Mussorgsky oder Ravel)


Eine denkwürdige Vernissage –

Noch nach Jahren

Erinnere ich mich

An das kalte Buffet,

An das Wetter,

An die wunderbare Musik.


Aber wie hieß nur

Die Künstlerin?


Der alte Bahnhof


Bild: James Jacques Tissot, Innere Stimmen, 1885, (wikicommons.org)

Der alte Bahnhof


Der Wartesaal ist nicht geschlossen,

Es gibt ihn ja schon längst nicht mehr.

Im Regen steh ich da, verdrossen,

Und schau den Zügen hinterher.


Ich wollte mich ein bisschen wärmen

Und einfach nur im Trocknen sitzen.

Jetzt hör ich nur die Züge lärmen,

Seh Unkraut in den Mauerritzen.


Ein Wartesaal ist nicht zum Wohnen,

Und doch ein Stückchen Heimatort.

Ich wollte mich damit belohnen,

Jetzt ist das bisschen Heimat fort.


Der alte Bahnhof steht verlassen,

Die Züge fahren dran vorbei,

An der Ruine, wo wir saßen,

Und trödelt in der Raserei.


Freitag, 23. Januar 2009

Service – (Boulevardskizzen 2)


Bild: Georges Fichefet, Au Cafe Theatre, um 1900, (wikicommons.org)

Service – (Boulevardskizzen 2)


Das Lokal war zu laut,

Die Luft zum Schneiden,

Der Kaffee schmeckte

Wie Spülwasser.

Es war zu teuer,

Aber –

Ich werde wohl

Wieder hingehen;


Die Bedienung

War umwerfend.


Die Rothaarige - (Boulevardskizzen 1)


Bild: Jules Joseph Lefebvre, Diva Vittoria Colonna, um 1900, (wikicommons.org)

Die Rothaarige - (Boulevardskizzen 1)


Mit ihren Stöckelschuhen

Weckte sie das Straßenpflaster.

Ihre roten Haare

Ließen den Winterabend erglühn,

Nur so

Im vorbeigehen.


Dann,

Als sie in ihr Auto gestiegen war,

War es wieder Januar,

Und kalt.


Donnerstag, 22. Januar 2009

Eine Schilderung meines Teichs


Bild: Julius Jacobus Van De Sande Bakhuyzen, Eine Waldstück mit Enten auf dem Teich, um 1900, (wikicommons.org)

Eine Schilderung meines Teichs


Beim Träumen

An der wankelmütigen

Wandellosigkeit des Teichs –

Seine Eigenart,

Ein Geschehen ohne Grund und Vernunft,

So nahe an der Wirklichkeit,

Wie Menscheinsicht

Es vermag,

Ein vielfältiges,

Gestaltloses Formen.

So fremd

Und doch so vertraut.


Mittwoch, 21. Januar 2009

Elizabeth Alexander - Loblied auf den Tag


Elizabeth Alexander – Loblied auf den Tag


(Gedicht zur Amtseinführung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Barack Obama)

Loblied auf den Tag

Jeden Tag gehen wir unseren Geschäften nach,

Gehen aneinander vorbei,

Fangen die anderen Blicke oder nicht,

Setzen zu reden an oder reden.


Alles um uns ist Lärm,

Alles um uns ist Lärm und Gestrüpp,

Dornen und Krach,

Jeden unserer Vorfahren tragen wir auf der Zunge.


Jemand stickt an einem Kragen,

Stopft ein Loch in einer Uniform,

Bessert einen Reifen aus,

Repariert die Dinge, die repariert werden müssen.


Jemand versucht zu musizieren,

Irgendwo mit zwei Holzlöffeln auf einem Ölfass,

Mit einem Cello, mit einem Ghettoblaster,

Mit einem Akkordeon, mit der Stimme.


Eine Frau und ihr Sohn warten auf den Bus.

Ein Farmer prüft den Wechsel am Himmel;

Ein Lehrer sagt: „Nehmt eure Stifte heraus. Fangt an.“


Wir begegnen einander in Worten,

Worten stachlig oder sanft,

Flüsternd oder deklamierend,

Worten, die erwägen und prüfen.


Wir kreuzen Feldwege und Autobahnen,

Die der Wille von jemand markiert hat

Und dann andere die sagen,

„Ich muss sehen, was auf der anderen Seite ist,

Ich weiß, unten an der Straße gibt es etwas Besseres.“

Wir müssen einen Platz finden, wo wir sicher sind;

Wir gehen zu dem hin, was wir noch nicht sehen können.


Sage es deutlich, dass viele für diesen Tag gestorben sind.

Singe die Namen der Toten, die uns hierher gebracht haben,

Die die Schienen gelegt haben,

Die die Brücken errichtet haben, die Baumwolle und Salat geerntet haben,

Die Stein auf Stein

Die Glanzpaläste errichtet haben, die sie dann sauber halten

Und in denen sie arbeiten.


Loblied auf den Kampf;

Loblied auf den Tag.

Loblied auf jedes handgemalte Plakat,

Das auf dem Küchentisch gemalt wurde.


Einige leben nach dem Motto: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Andere danach, füge kein Leid zu,

Oder: nimm nicht mehr, als du brauchst.


Was wäre, wenn das mächtigste Wort Liebe wäre,

Liebe jenseits von Mann und Frau, Eltern und Kind, Nation,

Liebe, die einen immer größer werdenden See des Lichts schafft,

Liebe, die keinen Keim des Leids in sich birgt.


In diesem beißenden Glitzern heute, dieser Winterluft,

Kann alles erreicht werden, ein Abschnitt hat begonnen.

An der Schwelle, am Rand auf die Spitze –

Loblied für den Marsch in dieses Licht.


Übertragung 21. Januar 2009, Paul Spinger


Im Stillen


Bild: Isaak Ilitsch Lewitan, Stille, 1898, (zeno.org)

Im Stillen


Das eigene Ich verschwimmt,

Wenn du es untersuchst.

Es wandert in die

Verwinkelsten Verstecke,

Die es sich selbst

Kaum vorstellen kann.


Dann, wenn du es zulässt,

Mag es genügen,

Kann es großartig wirken,

Einfach da zu sein.


Glücksschreiner


Bild: Frans Mortelmans, Der Schreiner, 1887, (wikicommons.org)

Glücksschreiner


Wir sind nicht unsres Glückes Schied,

Vielleicht jedoch die Schreiner.

Das ist ein kleiner Unterschied,

Denn schmieden kann fast keiner.


Und wer nicht richtig hobeln kann,

Kann vielleicht Suppe kochen,

Und wenn es sein muss, dann und wann,

Auf seine Rechte pochen.


Dienstag, 20. Januar 2009

Was ist Morgen?


Bild: Jules Breton, Auf der Straße im Winter, um 1875 (?), (wikicommons.org)

Was ist Morgen?


Die Bäume tragen jetzt kein Grün,

Das Kraut bleibt in der Erde.

Wenn zart die ersten Blumen blühn,

Ob ich sie schätzen werde?


Ich rede nicht und frag mich doch,

Was ich im Frühling mache:

Dann pfeif ich auf dem letzten Loch,

Vielleicht auch, dass ich lache.


Wer weiß denn, was das Morgen bringt;

Wird mir ein Vogel singen? -

Mir reicht es, wenn er heute singt,

Will nicht die Hände ringen.


Und wenn heut auch kein Vogel singt,

Es schimpfen meine Spatzen.

Wenn einen stets das Morgen zwingt,

Kann man es nur verpatzen.


Montag, 19. Januar 2009

Mit Flügeln


Bild: William Bouguereau, Eine Seele im Himmel, 1878, (wikicommons.org)

Mit Flügeln


Leise schwirrt tief in der Nacht

Eine Fledermaus ganz sacht

Unterm Dach an mir vorbei,

Als ob das verboten sei.


Denn es lauert ja die Katze,

Die ich stets umsonst beschwatze,

Keine Flieger mehr zu fangen,

Die vor jeder Katze bangen.


Auf den Bäumen schlafen Tauben;

Ob sie an den Himmel glauben?

Ach, ich würd’ es ihnen gönnen,

Weil sie ja schon fliegen können,


Wie der Engel, wie die Fee,

Die ich nur mit Flügeln seh,

Und ich seh’ sie mit Entzücken. –

Ich hab keine auf dem Rücken.


Kommentargedicht von Helmut Maier:



Wer muss schon
an den Himmel glauben,
wenn sie, wenn er
schon Flügel hat,
damit zu fliegen?

Wer wird schon
Flügel erst sich wünschen,
wenn er, wenn sie
mit Poesie 
bereits Erfahrung hat 
vom Fliegen?


Copyright: Helmut Maier