Bild: Gustave Dore, Schlafende unter der Brücke von London, 1871, (wikicommons.org)
Verhartzt
Hartzen – Jugendwort des Jahres,
Früher hing man einfach rum
Oder gammelte, das war es. -
Sprache im Delirium.
Gedichte und Gedanken zu (fast)jedem Tag. - Denke daran, dass die Rechte an all diesen Texten bei mir liegen.
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Verhartzt
Hartzen – Jugendwort des Jahres,
Früher hing man einfach rum
Oder gammelte, das war es. -
Sprache im Delirium.
Weiter machen!
Keiner weiß, was alle wollen,
Oder was sie machen sollen.
Darum lasst sie einfach machen,
Denn dann gibt es was zum lachen.
Die lebendigen Querelen
Dürfen nicht im Leben fehlen.
Niemand lernt ja irgendwas
Ohne Fehler, ohne Spaß.
Sünden auch sind unerlässlich!
Doch zum Glück sind wir vergesslich;
Sonst würd ´s keine neuen geben,
Und wie fad wär dann das Leben.
An die Elfen
Kleine Zettel für die Elfen
Lernte ich als Kind schon schreiben.
Damals sollten sie mir helfen
Bei dem, was die Kinder treiben.
Heute sind es lange Briefe,
Und ich schreib sie oft in Scham,
Tu dann so als ob ich schliefe,
Weil die Antwort niemals kam.
Ach, es liegt im Menschenwesen,
Was den Elfenstil betrifft,
Menschen können sie kaum lesen,
Diese Zauberelfenschrift.
Auftragsarbeit kurz vor Vollmond
Der Mond ist fast schon wieder voll,
Und so verrückt wie alle Welt.
Ich weiß ja was ich schreiben soll,
Damit es dir und mir gefällt:
Ein kleines Liedchen über nichts,
Ganz unmoralisch, antiquiert.
Das Auge liest, die Lippe spricht ´s;
Die Muse hat es ausprobiert.
Das Liedchen zählt zu meinen Sünden,
An die ich überhaupt nicht glaube.
Jetzt sag mir nicht ich soll begründen,
Warum sie fehlt, und welche Schraube.
Zwei Adventsseufzer
1.
Es sieht alles halb nackt aus
Im Regen,
Wenn den Laubbäumen
Die Blätter fehlen,
Als wären sie im Hemd.
Wenn die Tage so kurz sind,
Warte ich sehnsüchtig darauf,
Dass der Wald
Endlich sein weißes Kleid
Anzieht.
- - -
2.
Der Himmel flennt,
Hab ´s nicht verpennt,
Die Kerze brennt,
Advent, Advent?
Litanei an grauen Tagen
Die Farben alle sind verblasst
Am Weg und in den Gassen.
Ein gelbes Blatt am kahlen Ast
Will nicht vom Baume lassen.
Der Himmel legt sich auf das Land
Mit Wolken, schwer von Regen.
Vergessen ist das blaue Band
Und Laub liegt auf den Wegen.
Die Lerchen jubilieren nicht,
Wo sich die Krähen scharen.
Es gibt nur blasses, kühles Licht,
Wo sonst die Farben waren.
Wie die armen Schneiderlein
Da der Tag noch immer leider
Viel zu wenig Stunden hat,
Sitzen wir, wie arme Schneider,
Rastlos vor dem leeren Blatt.
Gar nichts schreibt sich von alleine.
Auch die Hose ist nicht fertig,
Denkt der Schneider, denn die Beine
Sind zu lang noch, gegenwärtig.
Und die Worte sind im Äther,
Niemand weiß, wie es geschah,
Liegen irgendwie dann, später,
Fertig, wie die Hose da.
Nein, es frieren nicht nur Schneider,
Auch die Dichter haben ´s schwer;
Wie des Kaisers neue Kleider,
Sieht man ´s Wort erst – hinterher.
Anmerkung: Das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“
von Hans Christian Andersen gibt es hier.
Am Teich im Novembernebel
Auf dem Wasser liegen Blätter,
Die noch nicht zum Grunde sinken.
Seltsam wie im Nebelwetter,
Steine, Bäume, Sträucher blinken.
Sind die Tropfen Diamanten,
Die zu mir die Feen sandten?
Silberweiße alte Birken
Strecken Zweige fast wie Hände,
Dort wo meine Feen wirken,
In den Nebel, in den Regen,
So als ob sie sich bewegen.
Langsam geht das Jahr zu Ende.
Nach dem Ende des Altweibersommers
Als meine Augen
Wie Diebe das Herz
Des Altweibersommers stahlen
Und die Seele barfuss
(Also dichtend, wie Reiner Kunze sagte,)
Den Wald durchstreifte,
Verhüllte Nebel
Die Bäume,
Ließ sie laublos,
An einen leeren Novembertag
Verschwendet,
Zurück.
Meine Beute
Hatte ich zufrieden
Nach Hause getragen.
Beim Betrachten eines alten Fotos
Es schlägt das Herz nicht mehr wie wild.
Die Zeit färbt das Vergangne mild,
Ich halt es vor mich, wie ein Schild,
Und so beschwör ich fast das Bild.
Ich habe sie geliebt, gehasst,
Und trotzdem ist ihr Bild verblasst.
Was soll ich mit dem Schicksal ringen?
Ich kann und will es nicht mehr zwingen.
Das Wichtige
Du lachst –
So hast du für die Träume Zeit.
Du träumst –
Und dadurch wirst du erst befreit.
Du liebst –
Und fragst, was ist Bedeutsamkeit.
Die schwarze Katze
Wieder mal
Habe ich
Bei einem Preisausschreiben
Mitgemacht,
Natürlich
Nichts gewonnen.
Das kommt daher,
Dass ich
Die schwarze Katze
Nie sehe,
Die mir immer über
Den Weg läuft.
Ein Pärchen
Zaubergleich sind Traum und Märchen
Immer da und stets zusammen.
Dieses wundersame Pärchen
Muss ja aus der Seele stammen.
Erst wenn sie sich treu ergänzen
Findet Hoffnung ihre Wege,
Und wo Traum und Märchen glänzen,
Ist die Zukunft da – und rege.
*Anmerkung: "La Fornarina" ist italienisch für "Die kleine Bäckerin", das
bekannteste Model (und wahrscheinlich die Geliebte) von Raffael. Ihr Name
war Margherita Luti.
Früher im Herbst
Hatte ich nicht bei Trakl gelesen,
Wie die Reseden welken, verblühn?
Wo bin ich nur im Herbst gewesen,
Wenn die sterbenden Rosen glühn?
Hab mich im Nebel eingenistet,
Unter tiefen Haufen von Laub.
Wurde von einem Troll überlistet,
Gab mein bisschen Gold für Staub.
Wünsche und Pläne
Alle Menschen irren sich,
Ganz besonders wenn sie handeln,
Wenn sie dabei lediglich
Ihren Wunsch zum Plan verwandeln.
Wenn ich sie nur laut erwähne,
Sind sie meistens schon gescheitert,
Die beliebten Zukunftspläne,
Weil - um deinen Wunsch erweitert.
Erst die Absicht macht uns klar,
Was die Wünsche wirklich sagen,
Und durch Taten wird erst wahr,
Was wir uns beim Wünschen fragen.
Einzug der Börsenmentalität
Warum sollte es mir gefallen,
Dass ich neuerdings überall,
Sogar bei Ämtern und Behörden,
Als Kunde angesehen werde?
In einer Welt
In der alles käuflich oder verkäuflich
Sein kann,
Der Mensch auf ein Produkt
Reduziert wird,
Will ich nicht leben.
Dieses „Produkt“ können sie
Noch nicht einmal
Den Kirchen andrehen;
Die haben jahrhundertealte
Erfahrung im Markt
Der Seelen und
Gefühlen.
Aber an Seele und Gefühl
Glauben die ja nicht, -
Es sei denn,
Es lässt sich
Damit Profit machen.
Was Wolken sind
Sie sind ganz dunkel oder weiß,
Und alles Mögliche dazwischen.
Der Wind ist laut und sie sind leis,
Um ´s Blau des Himmels zu verwischen.
Sie bringen Regen oder Schnee,
Es kann auch manchmal Hagel sein.
Und wenn ich sie am Himmel seh,
Gibt ´s dabei selten Sonnenschein.
Es ziehn die Wolken ohne Eile
Von West nach Ost, von Ost nach West.
Sie jagen ihre Langeweile,
So wie der Wind sie jagen lässt.
Hölle und Teufel
Eigentlich, so sag ich mir,
Ist die Hölle gar nicht da. -
Bis ich wieder mal kapier’,
Was in meinem Kopf geschah.
Bitterböse schlechte Bilder
Setzen mich in Angst und Schrecken,
Dunkelheit macht sie nicht milder.
Darin muss ein Teufel stecken.
Was der Teufel gerne macht,
Weiß der Teufel ganz allein.
Hör ich, wie er wieder lacht?
Mensch, er muss satanisch sein.
Also wohnt in meiner Seele
Auch der Teufel und das Böse,
Aber ich geb die Befehle,
Wenn ich mich - und ihn - erlöse.
Mein Baum im Novemberlicht
Der Wald war in der Nebelwand,
Im Dämmrigen verschwunden.
Ich habe kaum die eigne Hand
Im blassen Licht gefunden.
Novemberlicht, so wage, fahl,
Der Nebel lässt nur ahnen.
Die Bäume sind so träge, kahl,
Als würden sie mich mahnen.
Mein kahler Baum erwachte nicht,
Als ich ihn leicht berührte.
Er schlief zu tief. – Novemberlicht,
Das war es was ich spürte.
Frei werden
Unsere Sprüche
Reichen nur
Bis ins Tal.
Auf den Bergen
Weht der Wind.
Übrig bleibt
Eine Möglichkeit.
Und wir,
Wir warten.
Warten, dass da
Jemand vor der Tür steht,
Mit Geschenken
In den Händen.
Die Schere
Es geht nicht allen Menschen gleich.
Die Schere zwischen arm und reich
Schließt sich nie von alleine.
Wer schneidet mit der Schere was?
Die Unterschiede sind so krass,
Ihr wisst schon was ich meine.
Das Bild der Schere stimmt ja nicht,
Wenn man von Reichtum - Armut spricht,
Denn sagt, wer hält die Schere?
Das arme kleine Schneiderlein?
Oh nein, ein fettes Börsenschein
Kommt ihm da in die Quere.
Zum Schneiden aber braucht es Mut;
Die Schere zwischen schlecht und gut
Und irgendwas dazwischen,
Die lässt das Tischtuch lieber ganz. -
Wir brauchen einen neuen Tanz
Und Schnitte auf den Tischen.
Parkstimmung
Es ächzen zerfranste Novemberweiden,
Die Raben krächzen behaglich.
Ich sehe den Park, als würde er leiden, -
Na ja, ob er ´s tut ist dann fraglich.
Wahrscheinlich ruht er sich nur aus
Vom Sommer und seinem Trubel.
Was braucht der Park auch den Applaus
Und menschliches Gejubel?
Vom Teufel
Der Teufel ist
Nur ein armes Schwein,
Dem der liebe Gott
Die falschen Aktien
Angedreht hat.
Wen kann es da
Wundern,
Dass er so sauer
Reagiert?
Die Prinzesse
Das ist, warum ich die Märchen mag:
Es siegt dort immer das Gute,
Und allem was immer im Argen lag,
Dem zeigt das Märchen die Schnute.
Im Leben regiert er durch nackte Gewalt,
Und hat eine geile Mätresse.
Im Märchen jedoch ist der Prinz nie alt,
Und kriegt eine junge Prinzesse.
Elegie auf den Herbst der Birken
Der Regen fällt mir aufs Gemüt.
Ich wünsche, dass die Birke blüht,
Und kann es nicht erzwingen.
Im Sommer hab ich noch gedacht,
Dass mich der Herbst zufrieden macht,
Wie kann das jetzt gelingen?
Und doch, da ist mein Kerzenlicht,
Die weißen Bäume, die so schlicht
Zum Himmel aufwärts ragen,
Als wären sie im Schattenreich.
Die Schatten sehn sich niemals gleich.
Warum kann ich nicht sagen.
Es weht der Herbstwind mir so kühl.
In Sprache gieß ich ein Gefühl,
Nur schwer lässt sich ´s beschreiben.
Wie widersetzt sich mir das Wort!
Es treibt der Wind die Blätter fort,
Die Bäume aber bleiben.
Rezepte (schlechte) gegen die Einsamkeit
Lieber Mensch, sei doch nicht einsam!
Schimpfe auf die Welt gemeinsam
Mit dem nächsten besten.
Besser ist es laut zu fluchen,
Als ein Kämmerlein zu suchen. –
Solltest du mal testen!
Geh mal in die Bahnhofshalle,
Ignoriere dich und alle,
Und dann schrei ganz laut.
Plötzlich spürst du die Befreiung,
Sage bloß jetzt nicht: „Verzeihung,
Ich hab Mist gebaut.“
Schlucke niemals eine Pille
Heimlich, leise in der Stille,
Tu das laut und offen.
Sofort hast du viel Bekannte,
Hypochonder, arrogante,
Aber du kannst hoffen.
Mauer weg – gut so.
Überall die großen Worte,
Ich mag sie nicht mehr hören.
Überall Besinnungsorte.
(Oh, ich will nicht stören.)
Feiern die jetzt auf die Dauer,
Diese Scheißbedenkenheger?
Oder liegen auf der Lauer,
Wie die Börsenschnäppchenjäger?
Nur, - mich trösten die Gedanken,
Dass das Volk in jener Nacht
Mauern stürzte, es brach Schranken,
Und sie haben ´s halt gemacht.
Laub
Bedeckt ist alles Land mit Laub,
Es raschelt hübsch beim Laufen.
Versteckt ist jetzt der Straßenstaub
Ganz unter Blätterhaufen.
Die Lerche jubiliert nicht mehr,
Gemütlich krächzt ein Rabe.
Ich stapfe durch das Blättermeer,
Bis ich ´s umrundet habe.
Der Wald zeigt mir sein Herbstgesicht,
Mit fast schon nackten Bäumen.
Er strahlt so rot im tiefen Licht.
Jetzt ist die Zeit zum Träumen.
Brutale Zurückhaltung
So langsam werde ich zu dick,
Es wächst mir eine Plauze,
Und auch wenn ich daran erstick:
Ich halte meine Schnauze.
Die Nase schon gestrichen voll,
Ganz ohne dass ich niese;
Ich wüsste was ich sagen soll,
Wenn ich mich ´s sagen ließe.
Ich könnte dieses und auch das
Zu jenem oder jener sagen.
Weil ich das Sprechen bleiben lass,
Wird mich mein Schweigen plagen.
Ich fresse ihn in mich hinein,
Den nicht gesagten Satz,
Und werde so lang schweigsam sein,
Solange, bis ich platz.
Dichterische Beschirmung
Ein Dichter braucht den Regenschirm,
Vor allem, wenn es regnet.
Zwar ist er auch im Dichten firm,
Wenn Nasses ihm begegnet,
(Zum Beispiel lässt er Regentropfen,
Aus Wolken dicht und grau,
Poetisch an die Scheiben klopfen,
In dichterischer Schau.)
Doch mag er Regentropfen nicht
Auf frisch geschrieb’ner Tinte,
Dann wirft er nämlich sein Gedicht
Ins Korn - mitsamt der Flinte.
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Kreativ Blog Award
Überreicht durch Miroslav Dusanic
Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek:
Schön Dich hier zu treffen.
Gabriele Brunsch bei Paul Spinger
petros (zur Zeit - hier auch andere Autoren)
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Evelyne Weissenbach (Autorenhomepage)

