Tagebuch - nicht nur meiner literarischen Arbeiten

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Montag, 6. Juli 2009

Die Leserin – (Boshaftigkeiten 6)


Bild: Karl Raupp, Leserin unter einem Baum, 1874, (wikicommons.org)

Die Leserin – (Boshaftigkeiten 6)


Sie sitzt alleine unterm Baum,

Und liest in ihrem Buch.

Ist sie die Frau aus meinem Traum,

Die ich schon lange such?


Es ist so niedlich anzusehn,

Wie sie da sitzt und liest.

Ich könnte zu ihr rüber gehn,

Sie ist bestimmt kein Biest.


Gekleidet ist sie ganz in weiß,

Das Alter würde passen.

Doch leider liest sie einen Scheiß,

Und darum werd ich ´s lassen.


Sonntag, 5. Juli 2009

Weltflucht


Bild: Francois Boucher, Vulkan schenkt Venus die Waffen für Äneas, 1757, (wikicommons.org)

Weltflucht


Wir flüchten gerne vor der Welt;

Wie hat sie uns so schlimm gequält!

Und doch, wenn man es recht bedenkt,

Wir leben gerne mit der Welt,

Denn das ist ´s, was am meisten zählt:

Sie hat uns grenzenlos beschenkt.


Jägerlatein


Bild: Der Jäger trifft eine Frau im Wald, um 1880, (wikicommons.org)

Jägerlatein


Weil er das Geschwätz der Leute,

Wenn er heimkam ohne Beute,

Über alle Maßen scheute,

Aber trotzdem nicht bereute,

Dass er sich im Wald erfreute,

Ging der Jägersmann auch heute,

In den Wald, und vorher streute

Er Gerüchte unter Leute,

Dass man ohne Hundemeute

Immer heimkäm’ ohne Beute,

Denn, - dort traf er seine Bräute.


Samstag, 4. Juli 2009

Aquarium-News


Bild: Ochiai Yoshiiku, Goldfische mit menschlichem Antlitz, [Mitate-e Holzschnitt], 1863, (zeno.org)

Aquarium-News


Langsam sind es beinah hundert

Fische in dem Wasserbecken,

Und so mancher ist verwundert,

Dass sie nicht darin verrecken.

Das ist keine Kleinigkeit,

Denn für Fische braucht man Zeit.


Gar nichts kann den Knut erschüttern,

Nicht die Hitze, kein Gewitter.

Fehlt ihm Zeit zum Fische füttern,

Wär’ das für die Fische bitter,

Aber früher oder später,

Füttert sie sein Stellvertreter.


Beim alten Garten


Bild: Robert Lewis Reid, Der Geist des Gartens, um 1900, (wikicommons.org)

Beim alten Garten


Wo der alte Berber pennt,

Bei dem wilden alten Garten,

Haben wir uns einst getrennt,

Und da werd ich auf dich warten.


Du wirst sicherlich nicht kommen,

Denn du hast dich ganz verlaufen,

Und gehörst jetzt zu den Frommen,

Die sich selbst für dumm verkaufen.


Wie ich deinen Trotz vermisse!

Nein, die Zeit heilt keine Wunden.

Immer bleibt noch das Gewisse,

Nur die Tränen sind verschwunden.


Jetzt beim alten wilden Garten

Treff ich Frauen dann und wann;

Trotzdem werd ich auf dich warten,

Weil ich gar nicht anders kann.


Freitag, 3. Juli 2009

Hochsommer – (Boulevardskizzen 30)


Bild: Valentine Cameron Prinsep, Die Revolution, 1896, (wikicommons.org)

Hochsommer – (Boulevardskizzen 30)


„Was soll man machen?“,

Sagte der Berufsrevoluzzer,

„Für die Revolution

Ist es zu warm, und alles andere

Wäre vergeudete Zeit“.


Danach ließ er seine

Sechs Cuba-Libre

Anschreiben,

Und ging nach Hause

Um besseres Wetter

Zu erschlafen.


Fragt sich nur mit wem.



Donnerstag, 2. Juli 2009

Der Zaunkönig oder warum ich gerade still bin


Bild: Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, Band II, Tafel 13, 1897, - Zaunkönige und ihr Nest.

Der Zaunkönig oder warum ich gerade still bin


Der kleine Sänger singt so laut,

Ich will ihn gerne hören.

Sein Liedchen ist mir wohl vertraut,

Ich werde ihn nicht stören.


Er singt ganz nah auf einem Zweig,

Und nicht auf einem Zaun.

Solange ich ihn hör und schweig,

Hat er genug Vertraun,


Und fliegt nicht weg, und singt nur so,

Braucht dazu keinen Grund.

Ich hör ihm zu, im Innern froh,

Und halte meinen Mund.